Zum «Tag der Berufsbildung» vom 5. Mai 2021:
Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen
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Die Schweizer Berufsbildung gilt als vorbildlich und spielt eine zentrale beschäftigungspolitische Rolle. Doch die Schweiz gibt pro Jahr für die höhere Berufsbildung gerade mal 475 Millionen Franken aus, während es für die Hochschulbildung 8,4 Milliarden sind. Die Berufsbildung hat Nachholbedarf, wenn sie in die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung und dem demografischen Wandel meistern will.

Wir können stolz sein auf die Schweizer Berufsbildung. Sie geniesst weltweit grosses Ansehen. Aber wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, denn die Arbeitswelt verändert sich rasant, und mit ihr auch die Berufsbildung. Ein Strukturwandel ist im Gang. Deshalb ist ein «weiter wie bisher» nicht mehr möglich.

Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung erreichen ein neues Level. Die digitale Revolution beeinflusst alle Branchen – und sie verändert alle Lebensbereiche. Die OECD rechnet damit, dass 14 Prozent aller Arbeitsplätze bis 2033 durch die Digitalisierung verschwinden werden. Weitere 30 Prozent verändern sich tiefgreifend. Es entstehen neue Jobs, doch diese erfordern andere und vor allem höhere Qualifikationen. Es ist zu befürchten, dass sich der Mangel an Fachkräften in der Schweiz weiter zuspitzen wird.

Verschärft wird die Situation durch den demografischen Wandel. Die Babyboomer werden pensioniert. Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse rechnet vor: Ohne Zuwanderung würde die Zahl der Erwerbstätigen in der Schweiz bis 2040 um 9 Prozent sinken. Gleichzeitig verzeichnen wir heute einen Rückgang der Zuwanderung. Dies verschärft den Fachkräftemangel – besonders bei den Hochqualifizierten. 2019 hatten 60 Prozent der Zugewanderten ein Hochschulstudium. Zum Vergleich: In der Schweiz sind 43 Prozent tertiär gebildet. Offensichtlich ist das zu wenig, sonst hätten wir ja keinen Import von Fachkräften.

Was können wir tun, um die Berufsbildung zu stärken und den Herausforderungen des digitalen und demographischen Wandels erfolgreich zu begegnen? Politik, Wirtschaft und die Verbände der Arbeitnehmenden sind gefordert. Hier einige Vorschläge, für die ich mich unter anderem im Nationalrat einsetze:

  • Erwachsene ohne Abschluss einer Berufsausbildung bekommen zunehmend Probleme auf dem Arbeitsmarkt, besonders wenn sie ihre Stelle verlieren. Es darf nicht sein, dass 30-Jährige nicht einmal eine Attestausbildung abgeschlossen haben. Das Angebot an Nachholbildung im Bereich der Berufsbildung muss endlich schweizweit verstärkt werden.
  • Es darf nicht sein, dass motivierte junge Menschen, die von staatlichen Bildungsausgaben nur wenig profitiert haben, in den Jahren nach dem Abschluss der Berufsausbildung auf sinnvolle Zweit- und Zusatzausbildungen verzichten. Deswegen sollten Bund und Kantone das lebenslange Lernen für wirtschaftlich Schwächere fördern und zum Beispiel digitale Fitness-Programme für Arbeitnehmende anbieten.
  • Es darf auch nicht sein, dass Jugendliche mit einer Beeinträchtigung oder bestimmten Defiziten trotz vorhandener Potenziale den Einstieg ins Arbeitsleben nur schwer schaffen, weil sie keine geeignete Berufsausbildung finden. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sozial engagierte Lehrbetriebe noch stärker unterstützt werden.
  • Machen wir uns fit für den technologischen Wandel – am besten durch Weiterbildungsgutscheine in Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden. Das würde indirekt auch älteren Arbeitnehmenden helfen, die heute Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden.
  • Für Flüchtende und vorläufig Aufgenommene gibt es seit 2018 eine einjährige Integrationsvorlehre (Invol). Sie arbeiten dreieinhalb Tage in einem Betrieb, eineinhalb Tage sind sie an der Berufsschule, wo neben berufsspezifischen Kursen Sprachunterricht und Allgemeinbildung im Zentrum stehen. Invol ist eine Erfolgsgeschichte, denn zwei Drittel fanden nachher eine Lehrstelle. Mit zusätzlicher Unterstützung und mehr Mitteln könnte diese Quote noch erheblich erhöht werden.

Die Berufsbildung ist für die Schweiz von zentraler ökonomischer und sozialer Bedeutung. Damit sie ihre integrative und wirtschaftsfördernde Schlüsselrolle auch in Zukunft spielen kann, sind dringend deutliche Mehrinvestitionen notwendig. Ich fordere die Politik, die Wirtschaft und die Verbände der Arbeitnehmenden auf, die Berufsbildung endlich zu priorisieren, und am gleichen Strick zu ziehen. Im Bereich der Hochschulen hat die Schweiz in den letzten Jahrzehnten sehr viel investiert. Das war notwendig und hat sich gelohnt. Damit die Bildungslandschaft nicht kippt, braucht es jetzt dringend eine breite Offensive in der Berufsbildung.

Mustafa Atici, 5. Mai 2021

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